In Gütersloh arbeitete Reinhard Mohn demonstrativ in der Bürolandschaft mit: im Kommissionshaus Buch+Ton, das Bertelsmann nach den Wegen von Arbeit und Kommunikation hatte anlegen lassen. Pflanzen und Raumteiler ordneten, was auf den ersten Blick wie Chaos aussah; Teppiche sollten den Lärm dämpfen.
So beschreibt es das Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung. In den Großraumbüros der Nachkriegsjahrzehnte, heißt es dort, waren die Arbeitsplätze symmetrisch angeordnet wie die Tische einer Schulklasse, und die Büroorganisation folgte hierarchischen Gesichtspunkten. Ende der fünfziger Jahre entwickelte ein junges Beraterteam, das Quickborner Team der Brüder Eberhard und Wolfgang Schnelle, zu dem unter anderem Mathematiker und Ingenieure gehörten, einen Gegenentwurf, der unter dem Namen „Bürolandschaft“ Furore machen sollte. Bertelsmann gehörte zu den ersten Kunden. Für das Konzept brauchte man neue, modulare Büromöbelsysteme, und es wurde bis in die USA exportiert.
Mehr als sechs Jahrzehnte später, am 27. Oktober, öffnet in Köln die ORGATEC unter dem Motto „From rooms to relationships: designing spaces in an ever-changing world“. Ich reise als Besucher an, und als Gast in einem Land, in dem Berater schon damals ein Büro nach den Wegen der Kommunikation ordneten. Das Ziel des Mottos teile ich gern. Ich möchte ihm nur eine Zeile anfügen: Ein Raum ist bereits eine Beziehung. Der Abstand zwischen zwei Stühlen und die Meter zwischen zwei Arbeitsplätzen prägen, wie Menschen miteinander sprechen, und zwar von dem Tag an, an dem jemand die Möbel auswählt.
Die Veranstalter erklären das Motto mit Digitalisierung, hybriden Modellen, Nachhaltigkeit und einem wachsenden Bedarf an Zusammenarbeit, die unser Verständnis von Räumen verändern. Bis zum 30. Oktober will die Messe zeigen, wie rein funktionale Umgebungen zu Orten echter Verbindung werden können. Was die Brüder Schnelle im Großen versuchten, lässt sich im Kleinen weiterverfolgen, am Konferenztisch und vor dem Schreibtisch. Drei Studien aus den Jahren 1965 bis 1977 helfen dabei.
Zwischen zwei Arbeitsplätzen zählt jeder Meter
Rund zwei Jahrzehnte nach dem Entwurf der Bürolandschaft fasste Thomas J. Allen seine Forschung über den Fluss technischer Information in Organisationen für Forschung und Entwicklung in einem Buch zusammen, Managing the Flow of Technology, 1977 bei der MIT Press erschienen. Er untersuchte, mit welcher Wahrscheinlichkeit zwei Menschen jede Woche miteinander kommunizieren, abhängig von der Entfernung zwischen ihren Arbeitsplätzen. Dass diese Wahrscheinlichkeit mit der Entfernung sinkt, überrasche wohl niemanden, schreibt Allen; überraschend sei das tatsächliche Tempo, mit dem sie abfällt. Dreißig Jahre später zeigt er gemeinsam mit Günter Henn in The Organization and Architecture of Innovation erneut eine Kurve, die mit wachsender Distanz nach unten weist.
Ich lese die Geschichte aus Gütersloh und Allens Kurve nebeneinander. Bei den einen folgte die Aufteilung des Büros den Wegen der Kommunikation, der andere maß, wie schnell der Austausch mit der Entfernung dünner wird. Wer heute Möbel für hybride Arbeitswelten plant, darf deshalb, so meine ich, die Frage wieder stellen, nach der die Bürolandschaft gegliedert wurde: Welche Wege nehmen Arbeit und Kommunikation durch dieses Stockwerk? Erst die Antwort sagt, wohin Lounge und Akustikkabine gehören.
Dieselbe Zeitschrift hält allerdings auch fest, dass die meisten Beschäftigten der Arbeit in größeren Gruppen gegenüber skeptisch blieben. Ganz oben auf ihrer Wunschliste stand das Einzelbüro.
Im Einzelbüro spricht der Schreibtisch zuerst
Was dort der Schreibtisch bewirkt, hat Edward T. Hall schon 1966 beschrieben, in The Hidden Dimension, einem Buch über die Abstände, die Menschen zueinander halten. Eine davon nennt er soziale Distanz; ihre weite Phase reicht von etwa 2,1 bis 3,7 Metern. Geschäftliche und gesellige Gespräche, die in dieser Entfernung geführt werden, tragen nach Hall einen förmlicheren Charakter als jene der nahen Phase. Die Schreibtische wichtiger Personen, fährt er fort, sind groß genug, um Besucher in dieser weiten Phase zu halten, und selbst bei Tischen in Standardgröße steht der Stuhl gegenüber zwischen 2,4 und 2,7 Metern von dem entfernt, der hinter dem Schreibtisch sitzt.
Daraus folgere ich etwas für jeden, der ein Chefzimmer einrichtet: Mit der Tiefe der Platte und dem Raum davor bestimmt er mit, in welcher Tonlage dort verhandelt wird. Das kann gewollt sein, denn manche Gespräche brauchen Form. Ich rate trotzdem, zwei Entfernungen einzuplanen, die des Schreibtischs und eine kürzere, an einem kleinen Tisch oder in zwei Sesseln abseits der Arbeitsfläche, für Unterredungen, in denen Vertrauen wachsen soll.
Was ein solches Zimmer über den verrät, der darin arbeitet, war vor zwei Wochen das Thema meines Beitrags über den Chefschreibtisch aus Italien. Hall richtet den Blick auf das, was der Raum zwischen zwei Menschen geschehen lässt.
Am Konferenztisch ist die Sitzordnung schon eine Tagesordnung
Robert Sommer veröffentlichte 1965 in der Zeitschrift Sociometry die Arbeit Further Studies of Small Group Ecology. Um zu verstehen, wie Gruppen sich anordnen, beobachtete er Paare von Studierenden in einer Cafeteria, wo Gespräche erwünscht waren, und in einer Bibliothek, wo sie es nicht waren: In der Cafeteria wählten die Paare Plätze einander gegenüber, in der Bibliothek hielten sie Abstand. Mit Fragebögen erhob er, welche Plätze Gruppen je nach Aufgabe bevorzugen. Für das zwanglose Gespräch fiel die Wahl auf die Ecke, für die Zusammenarbeit auf das Nebeneinander; wer jeder für sich arbeitete, gab entfernte Plätze an, und wer im Wettbewerb stand, den Platz gegenüber. Welche Rolle der Blickkontakt dabei spielt, diskutiert Sommer ebenfalls.
Es sind Vorlieben von Studierenden aus dem Jahr 1965. Als Frage an den eigenen Tisch taugen sie dennoch. Wer Konferenztische auswählt, zählt die Plätze; ich würde vorher zählen, wie viele davon über Eck oder nebeneinander liegen und wie viele Menschen einander über die ganze Breite der Platte hinweg ansehen müssen. Wer in einer Runde vor allem gemeinsam arbeiten will, findet in Sommers Befunden einen Grund, die Stühle nicht nur auf die beiden Längsseiten zu verteilen.
Das Maßband einer Beziehung
Der Grundriss. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen sich jede Woche austauschen, sinkt mit der Entfernung ihrer Arbeitsplätze, in einem Tempo, das Allen selbst überraschend nennt (Allen, 1977).
Die Wege. Das Quickborner Team ordnete Büros nach Arbeits- und Kommunikationswegen; die meisten Beschäftigten blieben skeptisch, ganz oben auf ihrer Wunschliste stand das Einzelbüro (Magazin Mitbestimmung, 2013).
Die weite soziale Distanz. Etwa 2,1 bis 3,7 Meter: Hier werden Gespräche förmlicher (Hall, 1966).
Der Besucherstuhl. Bei einem Schreibtisch in Standardgröße 2,4 bis 2,7 Meter von der Person dahinter (Hall, 1966).
Die Tischkante. Ecke für das zwanglose Gespräch, Nebeneinander für die Zusammenarbeit, Abstand für die Einzelarbeit, gegenüber für den Wettbewerb: Vorlieben laut Sommer (1965).
Womit ich nach Köln fahre
Zum Work Culture Festival, das innerhalb der ORGATEC stattfindet, gehört ein Thema mit dem Namen „Empowered Experience“, beschrieben als neue Arbeitsumgebungen, die Motivation und Zufriedenheit steigern. Nach dem Bericht aus Gütersloh nehme ich eine Frage mit auf die Messe: Bietet ein Raum den Menschen sowohl die Nähe, in der man zusammenarbeitet, als auch den Abstand, den viele sich wünschen? Ich werde sie an jedem Tisch stellen, und sie gilt für jedes Büro ebenso wie für die Hallen in Köln. Wer sie gut beantwortet, gewinnt im Alltag Kleinigkeiten, die zählen: eine Besprechung, in der Kollegen nebeneinander an einer Lösung sitzen, und einen Gast, der im Chefzimmer so nah sitzt, wie das Gespräch es verlangt.
Ein Grundriss ist ein Gesprächsprotokoll, geschrieben, bevor das erste Wort fällt.
Die ORGATEC stellt in diesem Jahr die Beziehungen ins Zentrum, und sie tut es dort, wo man Büros schon einmal nach den Wegen der Kommunikation angelegt hat. Ich freue mich darauf, in Köln zu sehen, welche Antworten diesmal auf den Tischen stehen.
Kurz beantwortet
Wann findet die ORGATEC 2026 statt? Vom 27. bis 30. Oktober 2026 in Köln, unter dem Motto „From rooms to relationships: designing spaces in an ever-changing world“.
Was war die Bürolandschaft? Ein Bürokonzept, das das Quickborner Team der Brüder Eberhard und Wolfgang Schnelle Ende der fünfziger Jahre entwickelte: Die Aufteilung des Büros folgte den Arbeits- und Kommunikationswegen, mit Pflanzen und Raumteilern. Einer der ersten Kunden war Bertelsmann in Gütersloh.
Wie weit sitzt ein Besucher von der Person am Schreibtisch entfernt? Nach Edward T. Hall (The Hidden Dimension, 1966) steht der Besucherstuhl selbst bei Schreibtischen in Standardgröße 2,4 bis 2,7 Meter von der Person hinter dem Tisch entfernt, in der weiten sozialen Distanz, in der Gespräche förmlicher werden.
Welche Sitzordnung ziehen Gruppen am Tisch vor? Laut Robert Sommers Studie in Sociometry (1965) bevorzugen zusammenarbeitende Gruppen das Nebeneinander, Gesprächsrunden die Ecke, Gruppen, in denen jeder für sich arbeitet, entfernte Plätze, und konkurrierende Gruppen den Platz gegenüber.
Beeinflusst die Entfernung zwischen Arbeitsplätzen die Kommunikation? In den von Thomas J. Allen untersuchten Organisationen für Forschung und Entwicklung (Managing the Flow of Technology, 1977) sinkt die Wahrscheinlichkeit wöchentlicher Kommunikation mit der Entfernung, in einem Tempo, das Allen selbst überraschend nennt.