Ergonomie & Wohlbefinden

Warum Frauen im Büro frieren

Warum Frauen im Büro frieren

Sechzig Zentimeter über dem Fußboden. In dieser Höhe wird in Deutschland die Lufttemperatur gemessen, wenn an einem Arbeitsplatz gesessen wird, mit einem strahlungsgeschützten Thermometer und nach Erfordernis stündlich. So steht es in der Technischen Regel für Arbeitsstätten ASR A3.5 „Raumtemperatur“, die der Ausschuss für Arbeitsstätten ermittelt und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Gemeinsamen Ministerialblatt bekannt macht. Für leichte Arbeit im Sitzen nennt ihre Tabelle 1 einen Mindestwert von +20 °C, der während der gesamten Nutzungsdauer zu gewährleisten ist.

Weiter vorn trifft dieselbe Regel eine Unterscheidung, die für unsere Frage mehr hergibt als die Zahl. Die Lufttemperatur ist dort die Temperatur der umgebenden Luft „ohne Einwirkung von Wärmestrahlung“. Die Raumtemperatur dagegen ist „die vom Menschen empfundene Temperatur“, bestimmt unter anderem durch die Lufttemperatur und durch die Temperatur der umgebenden Flächen, „insbesondere Fenster, Wände, Decke, Fußboden“. Gemessen wird die Luft, empfunden wird der Raum.

Genau hier setzt meine Lesart an. Wer die Versuche liest, auf die sich die Komfortnormen stützen, findet bei der gewünschten Temperatur zwischen den Geschlechtern kaum Abstand; ein Abstand zeigt sich bei der Empfindlichkeit, sobald der Raum von diesem Wert abrückt. Ein Teil der Kälte hängt deshalb am Standort eines Schreibtischs, neben der Glasfassade, unter dem Luftauslass oder über einem kalten Boden, und an der Möglichkeit, an diesem Platz selbst nachzuregeln.

Maastricht, 2015: Normwerte nach Maß eines Durchschnittsmannes

Zwei Forscher der Universität Maastricht, Kingma und van Marken Lichtenbelt, veröffentlichten im August 2015 in Nature Climate Change einen kurzen Beitrag. Die Regeln fürs Klima in Innenräumen, heißt es dort, gehen auf ein empirisches Komfortmodell zurück, das in den 1960er-Jahren entstand. Eine seiner Hauptgrößen ist der Energieumsatz des Körpers, und dessen Standardwerte orientieren sich an einem durchschnittlichen Mann; bei Frauen könnten sie den tatsächlichen Umsatz um bis zu 35 % zu hoch ansetzen. Daraus leiten die beiden eine energetische Folge ab: Gebäude könnten dadurch von vornherein wenig effizient darin sein, Frauen Behaglichkeit zu bieten. Sie plädieren dafür, mit den tatsächlichen Stoffwechselraten zu rechnen.

Widerspruch kam aus Dänemark. Bjarne W. Olesen, Professor an der Technical University of Denmark, hielt noch 2015 im REHVA Journal dagegen. Der Versuch, schrieb er, habe 16 Frauen bei sitzender Tätigkeit untersucht und keinen einzigen Mann; um vergleichen zu können, hätte man auch 16 Männer bei derselben Tätigkeit messen müssen.

Der Wunschwert trennt die Geschlechter kaum

Olesen holt dafür die alten Versuchsreihen hervor, auf denen EN ISO 7730 und andere internationale Komfortnormen wie ASHRAE 55 aufbauen. Frauen und Männer saßen dort in gleicher Zahl, taten dasselbe und trugen dieselbe leichte Kleidung. Nimmt man Nevins (1966) und Fanger zusammen, kommen je 488 Probandinnen und Probanden heraus, und ihre Mittelwerte trennen gerade vier Zehntelgrad: 25,8 °C wollten die Frauen, 25,4 °C die Männer. Fanger und Langkilde hatten 1975 je 32 Personen im Raum und maßen noch weniger Abstand, ein Zehntelgrad zwischen 25,1 und 25,0 °C. Diese Werte gelten für leichte Kleidung von etwa 0,6 clo und sind deshalb nicht mit dem Mindestwert der ASR gleichzusetzen. Was im Sommer in klimatisierten Büros dennoch auseinanderklafft, erklärt Olesen überwiegend mit der Garderobe: Frauen passen ihre Kleidung dem Sommer an, Männer tragen weiter Anzug und Krawatte.

Aus Finnland, vom Forschungszentrum VTT, kam 2012 eine Literaturübersicht von Sami Karjalainen, abgedruckt in Indoor Air. Sein erster Befund deckt sich mit Olesens Tabelle: Bei der neutralen Temperatur, dem Punkt, an dem man weder schwitzt noch fröstelt, zeigen die meisten Arbeiten keine signifikante Differenz. Sein zweiter Befund zieht in die Gegenrichtung. Deutlich über die Hälfte der Untersuchungen, im Labor wie im Feld, stellt fest, dass Frauen unter gleichen Bedingungen mehr Unzufriedenheit äußern als Männer; das Verhältnis gibt er mit 1,74 an. Rückt die Temperatur vom Optimum ab, besonders nach unten, spüren es Frauen nach seiner Auswertung stärker, und sie brauchen im Schnitt mehr Möglichkeiten, selbst am Klima zu drehen und sich anzupassen.

Die ASR A3.5 nennt Fenster, Sonne und Boden beim Namen

Die ASR A3.5 konkretisiert, wie ihr erster Punkt sagt, die Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung an Raumtemperaturen, und sie verlangt vom Arbeitgeber, bereits beim Einrichten der Arbeitsstätte auf den sommerlichen Wärmeschutz zu achten. Heizt die Sonne einen Raum durch Fenster, Oberlichter oder Glaswände über +26 °C auf, sind diese Bauteile mit geeigneten Sonnenschutzsystemen auszurüsten; störende direkte Sonneneinstrahlung auf den Arbeitsplatz ist zu vermeiden. Für die Lufttemperatur in Arbeitsräumen gilt, dass sie +26 °C nicht überschreiten soll; liegt die Außenlufttemperatur über +26 °C, gilt ein eigener Punkt der Regel (4.4).

Für die kalte Seite ist Punkt 4.2 der Absatz, der Planer angeht. Werden die Mindestwerte der Tabelle 1 auch bei Ausschöpfung der technischen Möglichkeiten nicht erreicht, ist der Schutz gegen zu niedrige Temperaturen in einer festen Rangfolge sicherzustellen, und an erster Stelle stehen „arbeitsplatzbezogene technische Maßnahmen“; als Beispiele nennt die Regel Wärmestrahlungsheizung und Heizmatten. Erst danach kommen organisatorische Maßnahmen wie Aufwärmzeiten und zuletzt personenbezogene wie geeignete Kleidung. Die Bedingung ist eng gefasst, sie gilt nur, wenn der Raum die Mindestwerte nicht schafft. Für diesen Fall setzt die Regel am einzelnen Arbeitsplatz an, bevor sie zur geeigneten Kleidung greift.

Einiges verweist die ASR A3.5 ausdrücklich an andere Regeln. Luftgeschwindigkeit, also Zugluft, und Luftfeuchte behandelt sie nicht und verweist auf die ASR A3.6 „Lüftung“; für die Temperatur des Fußbodens verweist sie auf die ASR A1.5 „Fußböden“. Zugluft und Fußboden gehören zugleich zu den vier Ursachen lokaler Unbehaglichkeit, die die EN ISO 7730 unterscheidet: Zugluft, der senkrechte Temperaturunterschied zwischen Kopf und Knöcheln, ein zu warmer oder zu kalter Fußboden und die Asymmetrie der Strahlungstemperatur, das Ungleichgewicht der Wärme, die der Körper mit den Flächen zu seiner einen und zu seiner anderen Seite austauscht. Neben dem Urteil über den ganzen Körper benennt die Norm damit Ursachen örtlichen Unbehagens.

Fünf Fragen für den Gang über die leere Fläche

Bevor Tische gestellt werden, lohnt ein Rundgang mit dem Plan in der Hand. Ich lese die Regeln und Studien oben als diese fünf Fragen, jede mit ihrer Quelle:

1. Grenzt der Platz an eine große Glasfläche? Fenster gehören nach ASR A3.5, Punkt 3.1, zu den Flächen, die die empfundene Temperatur mitbestimmen; die Asymmetrie der Strahlungstemperatur ist eine der vier Ursachen lokaler Unbehaglichkeit der EN ISO 7730.
2. Liegt der Platz im Luftstrom eines Auslasses? Zugluft ist eine der vier Ursachen der EN ISO 7730; die ASR A3.5 verweist dafür auf die ASR A3.6.
3. Wie kalt ist der Boden unter dem Tisch? Die EN ISO 7730 zählt den kalten Fußboden zu den Ursachen lokalen Unbehagens, die ASR A3.5 verweist auf die ASR A1.5.
4. Trifft störende direkte Sonne auf den Arbeitsplatz? Sie ist nach Punkt 4.3 der ASR A3.5 zu vermeiden.
5. Kann die Person an diesem Platz selbst etwas regeln? Nach Karjalainen brauchen Frauen im Durchschnitt mehr individuelle Temperaturkontrolle als Männer.

Ergonomische Schreibtische sucht man deshalb zusammen mit ihrem Standort aus, am selben Tag und auf demselben Plan. Meiner Ansicht nach gehört deshalb auch der Bodenbelag unter den Arbeitsplätzen ins Leistungsverzeichnis, mit derselben Sorgfalt wie die Tischplatte.

Für die Planung von Großraumbüro & Workstation kommt eine zweite Möglichkeit hinzu: Plätze mit verschiedenem Klima. Wer leicht friert, bekommt einen Tisch abseits von Fassade und Auslass. Das nimmt den Befund von Karjalainen ernst, dass die Empfindlicheren mehr Kontrolle brauchen, und es passt zu einer Regel, die zuerst am einzelnen Arbeitsplatz ansetzt, wenn ein Raum die Mindestwerte nicht erreicht.

Was ein Berliner Labor über Wärme und Leistung gemessen hat

In Berlin prüften Tom Chang und Agne Kajackaite, ob Wärme das Denken verändert. Die Temperatur ihres Labors variierte von Sitzung zu Sitzung zwischen 16,19 °C und 32,57 °C, und 543 Studierende arbeiteten darin; eine Sitzung dauerte im Schnitt eine Stunde. Je wärmer der Raum, desto besser gerieten den Teilnehmerinnen Rechen- und Wortaufgaben; bei den Teilnehmern wies der Trend nach unten. Pro Grad mehr lösten die Frauen im Mittel 1,76 % mehr Rechenaufgaben richtig; der Rückgang bei den Männern war klein und statistisch nicht signifikant. Das Plus, so deuten es die beiden, kommt teilweise aus mehr Anstrengung: Es wurden mehr Lösungen eingereicht, und die Fehlerquote stieg dabei nicht. Auf den Test zum reflektierten Denken hatte die Temperatur keinen Einfluss.

Gemessen wurde die Temperatur eines ganzen Raumes, nicht die eines Platzes am Fenster, und der Versuch dauerte eine Stunde statt eines Arbeitstages. Er erlaubt keinen Schluss auf ein Büro. Er zeigt aber, dass Wärme in diesem Labor das Ergebnis bei Rechen- und Sprachaufgaben verändert hat. Der Titel des Aufsatzes, Battle for the thermostat, nennt übrigens den Streit beim Namen, um den es in diesem Text geht.

Das Thermometer der ASR misst in 60 cm Höhe die Luft, ohne Wärmestrahlung. Wer den Plan vor der Bestellung ein letztes Mal durchgeht, kann an jedem Platz nach dem fragen, was dieses Thermometer auslässt: der Temperatur der Flächen ringsum.

Das Wichtigste in Kürze

Warum frieren Frauen im Büro? In den meisten Studien unterscheidet sich die neutrale Temperatur von Männern und Frauen nicht signifikant. Frauen reagieren aber empfindlicher auf Abweichungen, vor allem ins Kühle, und äußern im Verhältnis von 1,74 eher Unzufriedenheit mit dem Raumklima (Karjalainen, Indoor Air, 2012). Hinzu kommt der Einwand aus Maastricht (Nature Climate Change, 2015): Der Energieumsatz im Komfortmodell beruht auf den Werten eines durchschnittlichen Mannes und kann bei Frauen bis zu 35 % zu hoch liegen.

Welche Temperatur muss ein Büro in Deutschland mindestens haben? Nach Tabelle 1 der ASR A3.5 „Raumtemperatur“ muss die Lufttemperatur bei leichter Arbeit im Sitzen mindestens +20 °C betragen, während der gesamten Nutzungsdauer. Gemessen wird bei sitzender Tätigkeit in 0,6 m Höhe mit einem strahlungsgeschützten Thermometer. Die Lufttemperatur soll +26 °C nicht überschreiten; bei Außenlufttemperaturen über +26 °C gilt Punkt 4.4.

Sind die Normen zum thermischen Komfort auf Männer ausgelegt? Die Grundlagenstudien der EN ISO 7730 hatten nach Bjarne Olesen (REHVA Journal, 2015) gleich viele Männer und Frauen, bei gleicher Kleidung und Tätigkeit; bevorzugt wurden 25,4 und 25,8 °C. Kritisiert wird allerdings, dass der Energieumsatz im Modell mit Standardwerten eines durchschnittlichen Mannes angesetzt wird (Kingma und van Marken Lichtenbelt, 2015).

Worauf achtet man bei der Anordnung der Arbeitsplätze? Auf die vier Ursachen lokaler Unbehaglichkeit der EN ISO 7730: Zugluft, Temperaturunterschied zwischen Kopf und Knöcheln, kalter Fußboden und Asymmetrie der Strahlungstemperatur. Die ASR A3.5 verlangt, störende direkte Sonne auf dem Arbeitsplatz zu vermeiden, und nennt arbeitsplatzbezogene Maßnahmen wie Heizmatten an erster Stelle, wenn die Mindestwerte im Raum nicht erreicht werden.

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